Reliquienprozession

Reliquienprozession

Die Elfenbeinschnitzerei des 5. Jahrhunderts ist ein Hauptwerk der Kunst der Spätantike, sie zeigt uns ein detailliertes Bild einer Reliquien-Prozession und des byzantinischen Hofzeremoniells.

Wegen seiner Seltenheit, seiner Aura und weil es gut zu bearbeiten ist, war Elfenbein in der Spätantike und im Mittelalter ein sehr begehrter Werkstoff, aus dem man Figürchen oder Reliefs schnitzte.

Die 13 x 26 cm große Reliefplatte könnte ursprünglich zum Schmuck eines Reliquienbehälters gedient haben. Sie zeigt eine von links nach rechts ziehende Prozession. Auf einem prachtvoll geschmückten vierrädrigen und von zwei Maultieren gezogenen Wagen sitzen zwei Geistliche, die einen Reliquienschrein in eine Stadt bringen.

Das Bild zeigt also die feierliche Überführung einer Reliquie an ihren neuen Bestimmungsort. Kerzentragende Männer schreiten voran. Sie werden von einer Kaiserin empfangen. Hinter ihr erkennt man die Kirche, für die die Reliquie bestimmt ist. Die Kirchen konnte nicht mehr rechtzeitig fertiggestellt werden, Handwerker arbeiten noch auf dem Dach.

Den Hintergrund bildet ein großes Gebäude, aus dessen Fenstern zahlreiche Personen schauen, die Hymnen singen und Weihrauchfässer schwingen. Auch wenn das Gebäude an die Porta Nigra erinnert und man bei der Kaiserin mit dem Stabkreuz an Helena, die Mutter Kaiser Konstantins denkt, die der Trierer Kirche der Überlieferung nach zahlreiche Reliquien geschenkt hat, dürfte die Elfenbeinschnitzerei keine Bezüge nach Trier aufweisen: Die Tafel gelangte erst im 19. Jahrhundert aus einer Privatsammlung in den Domschatz.

Das wohl im 5. Jahrhundert in Konstantinopel entstandene Relief gehört allein schon aufgrund der meisterlichen Qualität der Arbeit des Bildschnitzers, der viele Figuren annähernd vollplastisch herausgearbeitet und auch die Architektur sehr anschaulich geschildert hat, zu den besten Werken seiner Zeit. Zudem ist es aufgrund der minutiösen Schilderung der Gesten und Gewänder ein Schlüsseldokument für das byzantinische Hofzeremoniell und eine wichtige Quelle zu den Formen der Reliquienverehrung der Spätantike.

Autor: Prof. Dr. Wolfgang Schmid