„Neuerscheinung: CD vom Dunkel zum Licht“
Musik für Posaune und Orgel aus dem Dom zu Trier
Enjott Schneider (geb. 1950) Olivier Messiaen (1908–1992) Petr Eben (1929–2007) Olivier Messiaen Helmut Bornefeld (1906–1990) für Posaune, eine Glocke, Positiv und Orgel (1987) Olivier Messiaen Simone Candotto (geb. 1969) Olivier Messiaen Bruno Bjelinski (1909–1992) Total - 76’ 10” Stefan Geiger, Posaune · Trombone Die Posaune ist nach der biblischen Überlieferung ein besonders symbolträchtiges Instrument. In der Bibel ist die Posaune neben der Harfe das am häufigsten erwähnte Musikinstrument. Die Posaune ist DAS Signalinstrument; ihr Klang ist nach der Offenbarung des Johannes das Signal für den „Jüngsten Tag“. Paulus schreibt im 1. Brief an die Thessalonicher (1 Thess 4, 16): Denn wenn der Befehlsruf ergeht, des Erzengels Stimme und Gottes Posaune erschallt, wird der Herr vom Himmel hernieder steigen. Bei der Eroberung der Stadt Jericho durch Josua, den Anführer der Israeliten, war der Klang der Posaune der Startschuss zum Fall der Stadtmauern (Josua 6/1-21): „Und lass 7 Priester 7 Posaunen tragen vor der Lade her, und am siebenten Tage zieht siebenmal um die Stadt und lass die Priester die Posaunen blasen. Und wenn man die Posaune bläst und es lange tönt, so soll das ganze Kriegsvolk ein großes Kriegsgeschrei erheben, wenn ihr den Schall der Posaune hört. Dann wird die Stadtmauer einfallen…“. In diesen Zitaten ist eigentlich ein Widderhorn gemeint, das „shofar, “nicht unsere heutige Posaune, die erst im 15. Jahrhundert entstand. Luther übersetzte den Begriff in Unkenntnis der genauen musikhistorischen Umstände mit „Posaune“. Seitdem spielt der „Schall der Posaune“ in der theologischen Überlieferung eine wichtige Rolle und weckt in uns bestimmte Assoziationen. Mit Orgel und Posaune treffen also zwei symbolträchtige Instrumente aufeinander. - Ein zweiter Gesichtspunkt tritt hinzu und verbindet Orgel und Posaune: beide Instrumente werden durch Luft zum Klingen gebracht. Es ist der Wind, der ATEM, der den Ton erzeugt. Der Bläser formt die Töne mit seinem Atem und haucht ihnen im wahrsten Sinne des Wortes Leben ein. Damit hat Kirchenmusik, die von Orgel, Gesang oder Bläsern ausgeführt wird, eine besondere symbolische Bedeutung: so wie der Odem Gottes einst dem Menschen das Leben einhauchte, so erfüllt der Atem des Sängers oder Bläsers die MUSIK mit Leben. Ist die Musik dadurch nicht ein Symbol für Bewegung und Leben schlechthin? - Diese beiden Gedanken wollte ich voranstellen, um zu zeigen, dass mit Orgel und Posaune nicht irgendwelche Instrumente aufeinander treffen, sondern zwei besonders symbolträchtige Instrumente. Die Posaune ist der Orgel vom Klangvolumen her absolut ebenbürtig. Ich möchte Ihnen nun die CD vorstellen und dabei auch versuchen, den Titel „Vom Dunkel zum Licht“ zu erläutern. Die CD ist erschienen im Schallplatten-Label ORGANUM (Öhringen) und wurde produziert von Klaus Faika, den ich sehr herzlich begrüße und der uns einige Klangbeispiele vorspielen wird. Zunächst ein Blick auf die Besetzungsliste: Neben Domorganist Josef Still wirkt mit der vorzügliche Posaunist Stefan Geiger. Er ist Soloposaunist im Sinfonieorchester des NDR und Professor an der Hamburger Musikhochschule. Die Aufnahme wird durch 2 weitere Instrumentalisten unterstützt: Ulrich Krupp, Chororgel, und Larissa Boie, Glocke. Die Besetzung macht neugierig, also schauen wir uns die CD genauer an. Die CD beginnt mit dem Werk „Golgatha“, Introduktion und Chaconne für Posaune und Orgel, ein Werk, das der Münchener Komponist Enjott Schneider 2008 für den Trierer Dom komponierte. Die Widmung lautet: „Für Josef Still, Domorganist in Trier, - den ich nunmehr schon über fünfundzwanzig Jahre kenne und schätze.“ Schneider lehrt als Professor für Komposition an der Münchener Musikhochschule. Der 1950 geborene Komponist kennt die Orgel sehr gut (er hatte Unterricht bei dem früheren Freiburger Domorganisten Ludwig Doerr) und hat u. a. 9 Orgelsinfonien komponiert. Dem breiten Publikum ist er als Filmmusikkomponist bekannt und da haben Sie vermutlich alle schon einmal Musik von ihm gehört, etwa in den Filmen „Das Boot“, „Herbstmilch“ oder „Schlafes Bruder“. Ein Filmkomponist schreibt Orgelmusik? Ist das ein Widerspruch? Nein, ist es nicht. Denn Schneider versteht es meisterhaft, mit seinen Tönen Bilder zu erzeugen. Bildhafte Vorstellungen aber kennt auch die Bibel. Wir werden gleich beim ersten Hörbeispiel spüren, das Schneiders bildhafte Musik die düstere, bedrückende Stimmung sehr gut zum Ausdruck bringt, die uns bei dem Wort „Golgatha“ schaudernd erfasst. Schneider ist ein religiöser Mensch, der mit voller Überzeugung Kirchenmusik schreibt und dabei ein profunder Kenner des katholischen Glaubens, aber auch anderer Weltreligionen ist. Hören Sie selbst, was er über sein Stück „Golgatha“ schreibt: „Das Mysterium von Golgatha ist ein zentrales Element der christlichen Religion: (…) will ich Jesus begreifen, dann in Golgatha. Im Markusevangelium (…) heißt es (Kap. 15,22): „Und sie trugen ihn an die Stätte Golgatha, das ist übersetzt der Ort des Schädels“. In der aramäischen Sprache leitet sich der Name von „gal“ - „die Welle“ ab: „Galgal“ ist das „Rad, die Umdrehung, die Seelenwanderung“. „Golgatha“ ist somit nicht nur der historische Ort, an dem Jesus gekreuzigt wurde, sondern bezeichnet vor allem die „Wandlung“, den „jenseitigen Menschen“, den „ewigen Mythos des Erlösens“. In Zahlenmystik und Naturwissenschaft kennen wir die „7“ als Zahl der Wandlung und des Übergangs (vom Periodensystem der Chemie, den Kristall-Achsensystemen, den sieben Wochentagen bis zur siebenstufigen Tonleiter). In Analogie dazu hatte in 7 mal 7 Tagen nach Golgatha das Pfingsterlebnis stattgefunden,( - aus Kreuzigung und Sterben ist der Heilige Geist als Ergebnis eines Wandlungsprozesses wesenhaft geworden.(…)Dies ist auch das Anliegen von „Golgatha“ für Posaune und Orgel. In der Introduktion finden sich (…) Last und Schwere des Passionsgeschehens. Im Mittelteil „Adagio doloroso“ erklingt dann 7x7 (also neunundvierzig) Mal der glockenartig gespielte Ton Cis der Posaune, (unterstützt von 7 Glockentönen), (…). Der Klang der Posaune weckt in uns die „endgültige“ Diktion des „jüngsten Gerichts“ als Zielpunkt allen Seins.“ Track 1: Introduction ca 4’16 „Vom Dunkel zum Licht“ ist das Motto der CD und sie beginnt mit der dunkelsten aller Stunden: mit Golgatha und der Todesstunde Jesu. Ernst ist auch der Beitrag des tschechischen Komponisten Petr Eben (1929-2007): „Zwei Anrufungen“ für Posaune und Orgel, komponiert 1988. Wir bleiben also noch ein wenig im Dunkel. Aber die Posaune verliert hier schon den Charakter des kriegerischen Signalinstrumentes. Petr Eben weist der Posaune eine ganz andere Rolle zu: das Gebet. Hier wird weder zum jüngsten Gericht gerufen noch zum Kampf, sondern die Posaune wird zum Instrument der „Anrufung“ Gottes. Das macht sie menschlich. Ich hatte das Glück, Petr Eben mehrmals zu treffen und werde seine bescheidene Art und seinen tiefen Glauben immer in Erinnerung behalten, mit dem es dem Komponisten gelang, trotz vielfacher Behinderungen im kommunistischen Regime doch seinen eigenen Weg als Christ und Humanist zu gehen. Ich möchte Ihnen die erste der beiden „Anrufungen“ vorstellen: die Orgel beginnt dunkel, leise, „mi¬ste¬rioso“. Die Posaune tritt hinzu und zitiert den St. Wenzel-Choral, das berühmteste tschechische Kirchenlied zum heiligen Wenzel, dem Schutzheiligen Böhmens und Erbauer des Veitsdoms auf der Prager Burg. Die Musik wird nach und nach unruhiger, die Melodik kurzatmig, zerissen und hat den Charakter des Suchens, des verzweifelten Rufens. Am Ende des Stückes steht Zuversicht, wenn die Posaune in hoher Lage strahlend den Wenzels-Choral intoniert. Man sollte in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass Petr Eben zum 25jährigen Jubiläum der Trierer Domorgel für Josef Still das Orgelstück „Campanae gloriosae“ (Glorreiche Glocken) komponierte, bei dem er die Töne des Domgeläutes in die Komposition einbezog. Auch dieses Werk strahlt den Glauben und die Zuversicht Petr Ebens aus. Track 4: Zwei Invokationen für Posaune und Orgel, Nr. 1 „Moderato“ 5’05 Wie kommen wir nun vom „Dunkel zum Licht“? Nun, es ist die Orgelmusik des französischen Komponisten Oli¬vier Messiaen (1908-1992), die auf unvergleichliche Weise Farbe und Licht erzeugt. Messiaen war DER bedeuten¬der Or¬ganist des 20. Jahrhunderts, der sechs Jahrzehnte lang bis ins hohe Alter an der Pari¬ser Trinité-Kir¬che wirkte. Seine Or¬gelmusik ist un¬ver¬wech¬selbar. Sie hat stets einen theologi¬schen Hin¬tergrund, ist Meditation, geistliche Be¬trach¬tung und „aku¬stisches Schauen“. Josef Still hat auf dieser CD ausschließlich Frühwerke Messiaens um 1930 ausgewählt und man darf sagen, dass dies eine sehr gute, eine glückliche Entscheidung ist. Die Farbigkeit seiner Musik kommt auf der Trierer Orgel ganz wunderbar zur Geltung. Alleine wegen der vorzüglichen Interpretation dieser klangschönen Musik lohnt sich die Anschaffung der CD. Messiaens Musik ist es, die „Licht ins Dunkel“ bringt. -Folgende Stücke sind auf der CD enthalten:
Ich möchte Ihnen zwei Beispiele zu Messiaen vorführen: 1932/33 komponierte Messiaen seinen vierteiligen Zyklus „L’Ascension“ (Die Himmelfahrt). Die CD enthält den 4. Satz: „Prière du Christ montant vers son Père“ (Gebet des zu seinem Vater auffahrenden Christus). Wenn Schneiders „Golgatha“ den dunkelsten Punkt markierte, so haben wir es hier bei Messiaens „Himmelfahrt“ mit leuchtend hellen Farben zu tun. Die Musik strahlt große Ruhe aus und die nach oben schreitenden Akkordketten symbolisieren Erlösung und Himmelfahrt, die Heimkehr Jesu zu seinem göttlichen Vater im Himmel. Es ist eine verzaubernde Musik, in der die Zeit still zu stehen scheint. Track 10 „Prière du Christ montant vers son Père“ (Gebet des zu seinem Vater auffahrenden Christus) 4’59 Dem Werk „Le Banquet céleste“ (Das himmlische Gastmahl) hat Messiaen einen Vers aus dem Johannes-Evange¬lium voran¬ge¬stellt: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm“. Wir hören eine schwebende Musik mit zarten, mystischen Klängen. Nach einer gewissen Zeit hört man helle Staccato-Noten, sie gelten den Tropfen des für uns ver¬gossenen Blutes Christi. Diese hellen Töne werden übrigens vom Pedal gespielt. Eine wunderbar atmosphärische Musik in Fis-Dur. Track 8 „Le Banquet céléste“ (Das himmlische Gastmal), 5’19 Kehren wir zum Schluss noch einmal zur Besetzung Orgel und Posaune zurück, mit den „Drei biblischen Legenden“ des jugoslawischen Komponisten Bruno Bjelinski. Er lebte von 1909-1992 und war Lehrer für Kontrapunkt an der Musikakademie in Zagreb. Bei diesen drei Stücken erleben wir noch einmal die Wandlung vom „Dunkel zum Licht“. Der 1. Satz ist überschrieben mit „Der Fall von Jeri¬cho“. In der rhythmisch betonten, marschartigen Musik („Marcia“) hat die Posaune noch einmal den Charakter des kriegerischen Signalinstruments. Der 3. Satz dagegen heißt „Das Fest des Lichtes“ und ist eine freudige, gelöste Musik im schwingenden Dreiertakt. Hier wird die Pro¬gramm¬drama¬turgie der CD deutlich: die Reise führt den Hörer vom „Dunkel zum Licht“. Die düstere, ernste Golga¬tha-The¬matik des Be¬ginns ist überwunden, sie mündet in strahlendes, helles Licht. Bruno Bjelinski: „Drei biblischen Legenden“ Ich möchte mich für Ihre Aufmerksamkeit sehr herzlich bedanken. Es war in der Kürze der Zeit nicht möglich, auf alle Facetten dieser reichhaltigen CD einzugehen. Es soll ja auch noch genügend offen bleiben und nicht alles verraten werden, damit sich die Anschaffung der CD für Sie lohnt. Die CD ist ab sofort im Trierer Handel erhältlich und kostet bei der Dominformation 17,50 Euro. Der Booklet-Text stammt von Johannes Adam, das Foto des CD-Covers von Rita Heyen Es zeigt das vergoldete Bronzekreuz im Ostchor des Trierer Doms, das als Lebensbaum mit Ginkoblättern und Früchten gestaltet ist. Andrea Riesbeck hat den Sinn dieser Abbildung im Booklet einfühlsam erläutert: „Das in goldenem Glanz strahlende Kreuz bringt den Sieg über den Tod zum Ausdruck und lässt so Leid und Tod in einem neuen Licht erscheinen. Als Symbol der Hoffnung und des Lebens weist es einen Weg vom Dunkel zum Licht.“ Lassen Sie mich zusammenfassen: „Vom Dunkel zum Licht“ ist eine intelligent disponierte CD mit einem klaren Programmkonzept. Ich möchte Sie einladen, den vielfältigen theologischen und musikalischen Schichten dieser CD nachzuspüren und die Reise „Vom Dunkel zum Licht“ nachzuvollziehen. Es lohnt sich… |